Asien, Reiseberichte
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Radtour durch Vietnam

Radtour Vietnam

Der Atem geht schwer, der Schweiß läuft uns in Strömen über das Gesicht – mühsam quälen wir uns mit dem Rad Kehre für Kehre den Wolkenpass hoch. Der Wolkenpass ist die Wetterscheide zwischen dem subtropischen Norden und dem tropischen Süden Vietnams. Der normale Autoverkehr muss durch den Tunnel fahren, nur Motorräder und Tanklastwagen müssen die Straße über den Pass nehmen. Das ist der Start unserer Fahrradtour von Hue nach Nha Trang.

Auch wenn unser Gepäck im Minibus, der auf Sichtweite hinter uns fährt, transportiert wird und unser Reiseleiter Anh Co uns permanent anfeuert und moralisch aufbaut, ist der Anstieg schon beschwerlich. Aber als wir dann endlich oben sind, genießen wir den herrlichen Panoramablick auf Hue und die vor uns liegende Ebene von Da Nang bei einem starken vietnamesischen Kaffee und danach einem Tiger Bier aus Singapur. Vom Gastwirt erfahren wir, dass Stürmerstar Robert  Lewandowsky vom BVB zum FC Bayern München wechselt, aber auch diese Nachricht kann unsere ausgelassene Stimmung nach der erfolgreichen Passüberquerung nicht trüben.

Start unserer Radtour Vietnam in Hue

Kaiserpalast Hue

Kaiserpalast Hue

Unsere Fahrradtour startet in Hue, der alten Kaiserstadt der Ngu Yen-Dynastie Die Stadt wirkt  auf den ersten Blick ganz und gar nicht kaiserlich, viele Gebäude müssten restauriert werden. Aber die Stadt ist lebendig und versprüht mit ihren alten Tempeln, den Kulturdenkmälern aus der Kaiserzeit und den Gebäuden im französischen Stil einen morbiden Charme vergangener glanzvoller Epochen. Unser Hotel – das La Residence – hingegen ist ein topmodernes Boutique-Hotel am Ufer des Parfüm-Flusses mit herrlichem Blick auf die Zitadelle. Hier war früher der Sitz des französischen Kolonialherrschers, der schon wusste, wo es sich gut leben lässt. Gut leben können auch wir hier, das Essen ist fantastisch und wird außergewöhnlich fantasievoll präsentiert.

Das Wetter könnte besser sein, auch wenn wir noch nicht auf dem Fahrrad sitzen. Es regnet und alles wirkt düster und grau, unsere Stimmung und auch unser Expeditionsdrang werden ein wenig gedämpft. Trotzdem ziehen wir los und lassen uns mit einer Fahrrad-Rikscha zur Zitadelle am Nordufer des Flusses bringen. Die Zitadelle, seit 1993 Weltkulturerbe der UNESCO, ist von einer 10 km langen Mauer mit Wassergraben umgeben. Viele Bauwerke wurden im Krieg zerstört, auch der “Palast der Ewigkeit“ trotz seines vollmundigen Namen. Den Rückweg treten wir zu Fuß an, der Regen hat sich verzogen. Es ist unglaublich spannend, durch die Stadt zu schlendern und das bunte Treiben zu beobachten, nicht nur auf dem Dong Ba Markt, sondern noch viel mehr in den Seitenstraßen abseits des Zentrum.

Offene Küche Hue

Offene Küche Hue

Ältere Marktfrau Hue

Ältere Marktfrau Hue

Im Hotel treffen wir Anja und Stefan, unsere Freunde aus Kamen. Weil Radfahren eine ideale Möglichkeit ist, Land und Leute kennen zu lernen und sich dabei noch aktiv zu bewegen, haben wir die beiden zu der Fahrradtour  durch Zentral-Vietnam überredet. Vor ein paar Jahren schon sind wir im Rahmen unserer Weltreise mit dem Fahrrad von Saigon nach Bangkok gefahren und dabei festgestellt, dass Vietnam ein faszinierendes Reiseland mit einzigartigen Landschaften, vielen kulturellen Sehenswürdigkeiten, kilometerlangen Badestränden, einer unglaublichen Vielfalt, einer reichhaltigen, leichten Küche und vor allem freundlichen und herzlichen Menschen ist.

Historisches Hoi An

Radtour Vietnam: Japanische Brücke in Hoi An

Radtour Vietnam: Japanische Brücke in Hoi An

Die rasante Abfahrt vom Wolkenpass entschädigt für die Strapazen des Aufstiegs und wir rollen  in Da Nang ein. Früher kamen US-Soldaten zum Entspannen hierhin, heute ist Da Nang ein beliebter Touristenort – allein der Danang Beach ist mehr als 90 km lang. Entspannung könnten wir auch gut gebrauchen, aber wir müssen noch weiter. Die Fahrräder werden im Bus verstaut, wir steigen ein und lassen uns die letzten Kilometer nach Hoi An bringen, wo wir im Historic Hotel am Rande der wirklich historischen Altstadt absteigen.

Hier könnten wir länger bleiben. Hoi An ist traumhaft, ein charmantes und romantisches Hafenstädtchen am südchinesischen Meer, schon lange Weltkulturerbe der UNESCO. Nicht nur die kulturellen Sehenswürdigkeiten, allen voran die weltberühmte Japanische Brücke, faszinieren uns, das Flair der Stadt mit den vielen netten lokalen, Galerien, Lampiongeschäften und Schneiderläden vermittelt uns das Gefühl, in einem Freilichtmuseum zu leben – und wir sind mittendrin. Schweren Herzens verlassen wir Hoi An, die wohl schönste Stadt Vietnams, und sind gleichzeitig wild darauf, wieder auf unsere Räder zu steigen.

Das Radeln durch die schöne und abwechslungsreiche Landschaft mit dem satten Grün und gelegentlichen Hügeln ist erholsam und verschafft uns Glücksgefühle.  Die kleinen Städte, die wir auf kleinen Nebenstraßen passieren, sind weniger interessant, dafür ist die Landschaft mit den Reisfeldern im Herzen Vietnams umso schöner. Mit dem Rad erkunden wir die alte Tempelstadt My Son, das frühere religiöse Zentrum der Cham, und den kleinen Ort My Lai, in dem eines  der schlimmsten Massaker während des Vietnam-Krieges verübt wurde. Wir sind betroffen und mitgenommen, die Erinnerung an dieses Ereignis steht in völligem Widerspruch zu der Ruhe und dem Frieden, die diese herrliche Landschaft ausstrahlen.

Durch das Zentrum Vietnams

Transport in Zentralvietnam

Transport in Zentralvietnam

Wir fühlen uns pudelwohl – die Sonne scheint, es weht eine leichte Brise, das Gepäck ist sicher im Auto verstaut,  jeder radelt in der ihm angenehmen Geschwindigkeit. Selten überholt uns ein Auto, in den Orten begegnen wir vielen Schulkinder auf dem Fahrrad. Alle paar Kilometer gibt es eine Pause, in der uns der Fahrer frisches Obst, Kokosnüsse und Kaltgetränke serviert, mittags gönnen wir uns ein kaltes Tiger-Bier aus der Kühlbox. Und wenn es mal  am Rad irgendwo klappert oder hakt, ist sofort Anh Co zur Stelle und löst das Problem. Wir sind uns schnell einig, im besten Hotel der Welt oder dem komfortabelsten Reisebus kann es nicht schöner sein! Unvergesslich bleiben uns die Begegnungen mit den Menschen. Oft halten wir an, machen unzählige Bilder und unterhalten uns,  mit der Hilfe von Anh Co können wir uns gut verständigen und viel über das Leben hier im Zentrum Vietnams erfahren. Vor allem die Kinder sind ganz aus dem Häuschen, wenn Sie uns sehen. Wir winken, rufen pausenlos  “Hallo“ und klatschen die Kinder ab, die sich dann vor Freude kaum einkriegen können.

Wenn wir unterwegs an einer Hochzeitsfeier vorbeikommen – Heiraten scheint hier sehr beliebt zu sein -, halten wir an und werden immer, aber wirklich immer, eingeladen, um mitzufeiern, zumindest aber das Brautpaar zu begrüßen. Manches Mal werden wir schon fast mit körperlicher Gewalt in das Festzelt reingezogen. Hier im Süden Vietnams hat die Bevölkerung selten einen Touristen gesehen, schon gar nicht auf einem Fahrrad, so ist jede Begegnung immer herzlich und auch für uns eine schöne Erfahrung. Wir radeln weiter Richtung Süden, die Landschaft wird leicht hügelig, aber unsere Kondition steigert sich von Tag zu Tag. Das Radfahrern nehmen wir gar nicht mehr als körperliche Anstrengung war, eher als erholsames und entspanntes Sightseeing in herrlicher Umgebung. Am späten Nachmittag des letzten Tages erreichen wir unser Hotel in Quo Nhon, traumhaft am Meer gelegen und mit riesigen Zimmern mit direktem Meerblick vom Bett aus. Nur schade, dass wir keine Zeit haben, die vielfältigen Angebote des großzügigen Avani Resorts zu genießen.

Abschiedsessen in Tuy Hoa, einer Provinzhauptstadt abseits der Touristenströme. Wir können kaum glauben, dass die Woche auf dem Fahrradsattel fast vorbei ist. Zum Abschied gönnen wir uns noch eine Massage für unsere strapazierten Muskeln. Ich muss eine knielange, schlabbrige Shorts anziehen und werde dann in eine kleine Dampfkabine verfrachtet. Nach einer gefühlten halben Stunde wage ich mich nach draußen und werde dann – immer noch mit der nassen Unterhose bekleidet – von oben bis unten einschließlich der Haare eingeseift und dann mit einem Wasserschlauch abgespült. Leider spricht die Lady weder deutsch noch englisch, wirklich kein einziges Wort, aber die Massage tut gut, auch wenn sie mehr zart streichelt als hart massiert.

Auf dem Weg nach Nha Trang

Radtour Vietnam: Auf dem Weg nach Nah Trang

Radtour Vietnam: Auf dem Weg nach Nah Trang

Am nächsten Morgen steigen wir zum letzten Mal auf unsere Räder und radeln durch den morgendlichen Berufsverkehr Richtung Nah Trang. Wir genießen in der hügeligen Landschaft zum letzten Mal die herrlichen Blicke auf die Reisfelder im Tal und die Bergketten zu beiden Seiten der Straße. Rund 340 km auf dem Fahrradsattel in einer traumhaften Umgebung liegen hinter uns, als wir den malerischen Dai Lanh Beach erreichen. Anja und Stefan bleiben noch ein paar Tage in Nha Trang, wir wollen weiter Fahrradfahren und fliegen nach Bangkok, wo unsere nächste Etappe startet.

Diese Fahrradtour wurde als individuelle Privattour von SpiceRoads (www.spiceroads.com) organisiert und durchgeführt, sie entspricht in den Grundzügen der Tour „Cycling Vietnam`s Central Coast“.

  • Unsere Gruppe vor dem Start zur Radtour durch Vietnam
    Startklar zur Radtour durch Vietnam
  • Vietnamesische Straßenküche
    Vietnamesische Küche
  • Boot auf dem Parfümfluss
    Auf dem Parfüm-Fluss
  • Unterwegs in Zentralvietnam
    Unterwegs
  • Fahrrad als Transportmittel (in Hue)
    Fahrrad als Transportmittel
  • Flussüberquerung
    Flussüberquerung
  • Schwimmende Häuser in Zentralvietnam
    Schwimmende Häuser
  • Reisfelder
    Reisfelder
  • Brautpaar
    Hochzeit

1 Kommentare

  1. Anja Fromme sagt

    Sehr gut!! Ich musste schon wieder herzlich lachen bei einigen Erinnerungen! Eine wirklich tolle Idee eure vielfältigen und super interessanten Reiseerlebnisse zu bloggen! Alle , die Dein Buch gelesen haben, werden sich bestimmt- genauso wie ich- über eine Fortführung eurer Reiseberichte sehr, sehr freuen!! Es wird sich sicherlich lohnen mitzulesen!

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