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Wohnen in Alaska – 1. Etappe: Seward und Talkeetna

Wohnen in Alaska: Seward und Talkeetna 

Seward

Ankunft in Seward, unsere Kreuzfahrt  von Vancouver nach Alaska durch eine der spektakulärsten Landschaften der Welt geht zu Ende. Wir sehen nur Regen und Wolken, ein einsamer Fischotter zieht durch das Hafenbecken. Die MS Statendam macht in dem malerischen Hafen fest, zusammen mit 1500 Kreuzfahrern gehen wir von Bord – bereit zu neuen Abenteuern. Das erste Abenteuer erleben wir schon in den ersten Minuten – unsere Koffer sind nicht da. Nach ergebnisloser Suche und einigen hektischen Telefonaten erfahren wir, dass sie wohl von der Crew versehentlich in einen Bus nach Anchorage verladen wurden. Da stehen wir nun, bereit für das wilde und gigantische Alaska, ohne Jacke und ohne unsere Koffer – schon irgendwie ein befremdliches Gefühl, am Ende der Welt fast ohne alles dazustehen.

MS Statendam im Hafen von Seward

MS Statendam im Hafen von Seward

Aber dafür ist unser Freund Karl-Heinz da, schon seit 7 Uhr wartet er auf uns. Wir hatten uns  vor Monaten verabredet, ein paar Wochen gemeinsam in Alaska zu erleben. Aber nicht im Rahmen einer Rundreise mit Bus oder Mietwagen, sondern wir wollen in einigen der schönsten Ecken Alaskas ein paar Tage wohnen und das andersartige Leben vor Ort intensiv genießen. So haben wir schon frühzeitig drei Häuser in Seward, Talkeetna und Homer gemietet, wir wollen in Alaska wohnen, wenn auch auf Zeit, auf kurze Zeit.

Erst einmal gehen wir frühstücken. Von einer netten Amerikanerin am Nachbartisch wird uns geraten, nur ein halbes Frühstück zu bestellen, weil die Portionen mehr als riesig seien. Und in der Tat – die halbe Portion wird mit „nur“  vier Eiern und einem Teller voll gebratenem Speck serviert, zu einer ganzen Frühstücksportion gehören tatsächlich acht Eier als Rühr- oder Spiegelei. Da gewinnen wir den ersten Eindruck, dass in Alaska andere Maßstäbe und Größenverhältnisse herrschen – hier gilt das XXL-Format.

Zwischen riesigen Regalen mit Angler-Ausrüstung und Fischerei-Zubehör finden wir auch die passende Freizeit-Kleidung für unsere Outdoor-Aktivitäten, ohne eine wasserfeste Jacke und einen dicken Pullover trauen wir uns nicht in die Wildnis Alaskas. Wir schauen uns noch das nette Städtchen Seward an, malerisch gelegen und Tor zum Kenai Fjords National Park.

Bear Paw Lodge

Bear Paw Lodge

Wir stehen vor unserem Haus, der Bear Paw Lodge, und sind begeistert – ein uriges, rustikales Blockhaus aus Materialien der Region. Die Vermieter wohnen nebenan, sie sind ausgesprochen nett und bieten uns alle erdenkliche Unterstützung und Hilfestellung bei unseren Aktivitäten an. Selbst der Hund freut sich, als wir kommen und will nicht mehr von unserer Seite weichen. Die Einrichtung ist großzügig, gemütlich und bequem, besser kann man es nicht antreffen, der große Whirlpool auf der Terrasse lädt zum Entspannen nach erlebnisreichen Tagestouren ein.

Unberührte Wildnis

Unberührte Wildnis

Relaxen können wir später, wir wandern den „Edge of the Glacier“-Weg entlang, so weit wie möglich nach oben. In der Ferne sehen wir einen Bären, beobachten viele Murmeltiere und entdecken am Straßenrand einen Wolf. Eine Ranger klärt uns auf, das sei nur ein Coyote gewesen, aber egal, wir finden es aufregend. Den Gipfel erreichen wir nicht, die Schneemassen nehmen zu und die Wanderung wird immer beschwerlicher und gefährlicher. Die Aussicht auf den Gletscher ist faszinierend, die Licht- und Farbenspiele des Gletschereises sind beeindruckend. Als wir dann spätabends mit einem Alaska-Bier in unserem Whirlpool liegen, erreicht uns die erlösende Nachricht, dass wir unsere Koffer am nächsten Morgen in einem Hotel am Rande der Stadt abholen können.

Kaum zu glauben, als wir aufwachen, scheint die Sonne – traumhaftes Wetter und vor allem anders, als wir in Alaska erwartet haben. Wir wollen raus in die Natur, mit unserem Minibus fahren wir zum Lost Lake Trail, wir erleben eine dramatische Szenerie mit spektakulären Ausblicken auf die schneebedeckten Berge und die kristallklaren Seen. Wir sehen Schilder mit dem zur Vorsicht mahnenden Hinweis „You are in a bear country“, das ist gut so, denn auch wegen der Bären sind wir hier. Und tatsächlich – in noch beruhigender Entfernung sehen wir drei Bären, wir hoffen nur, dass sie uns nicht gesehen haben. Aber auch ohne Bärenbegegnung ist die Wanderung in der atemberaubenden Landschaft und der beeindruckenden Natur ein besonderes Erlebnis.

Am frühen Abend – es bleibt ja in Alaska im Sommer abends lange hell – packt Karl-Heinz plötzlich seine Angel und will noch schnell ein paar Lachse zum Abendessen fangen. Ich  fahre ihn zu einer kleinen Bucht, in der schon hüfttief einige Angler im Wasser stehen und ihr Glück versuchen. In einer Stunde soll ich Karl-Heinz wieder abholen, er ist sehr optimistisch. Sicherheitshalber bereitet Heidi in unserer gut ausgestatteten Küche das Abendessen vor, auf die versprochene Beute will sie sich nicht verlassen. Schon vor der verabredeten Zeit hole ich Karl-Heinz wieder ab und tatsächlich – drei ausgewachsene Lachse liegen vor ihm am Uferrand. Alle Achtung und Gratulation! Einen Lachs schenken wir unseren Vermietern, einen legen wir in den Kühlschrank und den dritten auf den Grill. Das ist ein echtes Festessen, so frisch und so reichlich habe noch nie gegrillten Lachs gegessen. Selbst der Hund ist satt geworden.

Karl-Heinz mit 2 seiner 3 Lachse

Karl-Heinz mit 2 seiner 3 Lachse

Wir haben uns so richtig in Seward eingelebt, kennen den besten Supermarkt, haben auch schnell den Alkohol-Shop gefunden und wissen, wo es den leckersten Kaffee gibt. Wir sind dauernd  in der herrlichen Gegend zwischen Meer und Bergen unterwegs und müssen jeden Abend die schwere Entscheidung treffen, ob wir in einem der vielen Restaurants essen oder in unserer gemütlichen Küche unser Abendessen zubereiten sollen. Für uns unerwartet übernachtet noch ein Pärchen aus Kolumbien 2 Nächte bei uns in der Lodge, sie sind auf Hochzeitsreise und interessante Gesprächspartner beim gemeinsamen Abendessen.

Talkeetna

Die schöne Zeit in der Bear Paw Lodge ist vorbei, wir müssen und wollen weiter in den Norden Alaskas. Über Anchorage, der größten Stadt Alaskas, geht es nach Talkeetna, einem kleinen Städtchen mit Wild-West-Flair am Fuße des Mount McKinley. Früher war Talkeetna ein wichtiger Handelsposten, heute ist der Ort wegen seiner Lage nahe dem Denali Nationalpark vor allem für Wanderer, Angler und Bergsteiger besonders attraktiv. Der Denali National Park ist die Hauptattraktion Alaskas, zahlreiche Tierarten wie Bären, Elche und Karibus können hier in freier Wildbahn beobachtet werden. Im Sommer verwandeln Blumen die Tundra in ein einziges Blütenmeer, immer überragt vom majestätischen Mount McKinley. Mit fast 6200 m Höhe ist er der höchste Berg Nordamerikas und gilt klimatisch als einer der extremsten der Erde und sehr schwer besteigen.

Unser Häuschen in Talkeetna ist sehr einfach gehalten, eher eine Holzhütte, gewissermaßen das Kontrastprogramm zu unserer komfortablen Lodge in Seward. Aber wir haben genügend Platz zum Schlafen, einen großen Kühlschrank, nur die Kaffeemaschine ist zu klein und funktioniert nicht richtig. So gehen wir zum Frühstücken  ins Roadhouse, unterhalten uns mit den Gästen aus aller Welt und hören gerne den Abenteuergeschichten der Bergsteiger zu. Auch hier ist das normale Frühstück nicht zu schaffen, wenn man kein Bergsteiger ist.

Wo das Leben beginnt ...

Wo das Leben beginnt …

In Talkeetna sind wir richtig: Der kleine Ort mit seinen nur rund 500 Einwohnern wirbt mit dem Slogan „Wo die Straßen enden und das Leben beginnt“, hier erleben wir das echte Alaska, ungeschminkt und ohne Schnörkel. Viele junge Leute, einige Bergsteiger, ein paar urige Typen aus aller Welt schaffen zusammen mit den Einheimischen eine besondere und lockere Atmosphäre. Es wird nachts nicht dunkel, selbst um 23 Uhr scheint die Sonne noch als kräftig-roter Feuerball, und die ganze Nacht über ist der kleine Ort unheimlich lebendig. Auch wir wollen nicht ins Bett, zum Schlafen ist die Zeit viel zu schade und das Leben um uns herum zu spannend.

Mount McKinley

Mount McKinley

Das Wetter ist einmalig schön, jeden Tag scheint die Sonne. Wir erleben ein seltenes Naturschauspiel, der Gipfel des Mount McKinley zeigt sich wolkenfrei und von der Sonne angestrahlt. Der Anblick ist so faszinierend, dass wir einen Rundflug um den Mount McKinley buchen. In einer kleinen Maschine fliegen will durch die bizarre Bergwelt mit unglaublich schönen Ausblicken auf die majestätischen Gipfel und vor allem den Mount McKinley – ein umwerfendes Erlebnis. Der Pilot – wir halten uns krampfhaft fest und können es nicht glauben – setzt zur Landung an, umrahmt von den Berggipfeln setzen wir auf einer kleinen schneebedeckten Eisfläche auf. Ein paar Minuten Zeit haben wir, das atemberaubende Panorama zu genießen und uns vorzustellen, welche unglaubliche Willenskraft und körperliche Leistungsstärke notwendig ist, den höchsten Berg Amerikas zu bezwingen. Der anschließende Start auf dem Schnee- und Eisfeld steht der Landung an Nervenkitzel nichts nach, das den schon Eindrücke, die ich nie vergessen werde.

Landung auf dem Eisfeld

Landung auf dem Eisfeld

Auch zu Fuß lässt sich die wilde und einsame Seenlandschaft in und um den Denali Nationalpark gut erkunden. Wir haben nur die nicht unbegründete Sorge, dass wir uns in der Weite Alaskas verlaufen und den Weg zu unserem Auto nicht mehr finden. Bei den Wanderungen in der Wildnis denken wir weniger an die großen Tiere wie Bären, Wölfe, Füchse oder Elche, sondern vielmehr an die kleinen Plagegeister wie Mücken und Stechfliegen. Heidi und Karl-Heinz reiben sich unentwegt mit Mückenschutzmitteln ein, Karl-Heinz schüttet sich die Tinktur über den Kopf, selbst die Schuhe tränkt er mit Autan. Ich bleibe mannhaft und komme fast bis zum Ende unserer Tour ohne Mückenschutz aus, bis auch ich nach einer Reihe von Mückenstichen und genervt vom Brummen der umherschwirrenden Moskitos zum chemischen Abwehrschirm greife. Bären haben uns nicht angefallen, vielleicht stinken wir zu sehr nach Mückenschutz.

In der Einsamkeit Alaskas

In der Einsamkeit Alaskas

Das Nachtleben in Talkeetna verdient fünf Sterne, auch wenn eigentlich nicht viel los ist. Wir gehen immer in dieselbe Kneipe, jeden Abend brechend voll, mit Live-Musik und interessantem Publikum aller Altersklassen. Die Stimmung ist super, vor allem am späten Abend mit steigendem Alkoholpegel. Wir unterhalten uns prächtig, allerdings wegen der für unsere Ohren merkwürdigen Aussprache der Einheimischen verstehen wir nicht alles, amüsieren uns aber prächtig. Eine Dame fordert mich zum Tanz auf, sie ist nicht mehr ganz jung – wie ich auch –, hat schon eine Menge getankt – wie ich auch – und kann nicht tanzen – wie ich auch. Irgendwann liegen wir auf dem Boden und tragen zur Erheiterung der übrigen Gäste bei. Das Alaskan Summer Beer schmeckt hervorragend, wie unser Kölsch – wir wollen nicht  schlafen gehen.

In unserer Stammkneipe in Talkeetna

In unserer Stammkneipe in Talkeetna

Die nächste und letzte Etappe in Alaska liegt vor uns, nach unseren Aufenthalten in Seward und Talkeetna haben wir noch ein Haus in Homer gemietet, am Ende des Sterling Highways, mitten in der Wildnis und am Meer gelegen (siehe den Reisebericht „Wohnen in Alaska – 2. Etappe: Homer“).

Traumhafte Landschaften

Traumhafte Landschaften

Infos über Seward unter www.cityofseward.com oder www.seward.com, über Talkeetna unter www.talkeetnachamber.org. In Seward haben wir in der Bear Paw Lodge (www.sewardbearpawlodge.com) gewohnt. 

Der Bericht über die Kreuzfahrt von Vancouver (Kanada) nach Seward (Alaska) mit der MS Statendam (www.de.hollandamerica.com) folgt demnächst.

 

 

 

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