Asien, Reiseberichte
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Unterwegs in China

Unterwegs in China: Wenn jemand eine Reise tut, dann kann er was erzählen, so beginnt das alte deutsche Volkslied. Da ergänze ich gerne aus eigener Erfahrung: Wer nach China fährt, kann noch viel mehr erzählen. China ist ein faszinierendes, unglaublich großes und abwechslungsreiches Reiseland mit vielen Überraschungen. Wir waren in Peking und Shanghai, auch in Hongkong, sind mit dem Schiff auf dem Yangtze und dem Li-Fluss unterwegs gewesen, sind durch Chongqing, der je nach Definition größten Stadt der Erde, gelaufen und haben uns viele andere Sehenswürdigkeiten wie die weltberühmte Terrakotta-Armee angesehen. Wir haben unglaublich viel erlebt, wahnsinnig viele und ungewöhnliche Eindrücke gewonnen und uns immer wohl gefühlt. Im „Reich der Mitte“ bzw. im “ Land des Lächelns“ kommt uns manches bekannt, vieles neu und das eine oder andere doch gewöhnungsbedürftig vor.

Unterwegs in China - kurz nach der Landung

Unterwegs in China – kurz nach der Landung

Wenn man in China unterwegs ist, ist man nie allein. Überall Menschenmassen, Schlangen an den Schaltern, lange Staus in den Innenstädten, riesige Besuchermengen vor   den Sehenswürdigkeiten, volle Parks, aber alles sieht irgendwie organisiert aus und funktioniert. Zugegeben – als wir von Japan nach China reisten, war das für uns schon ein Kulturschock. Insbesondere im Vergleich zu der außergewöhnlichen Höflichkeit und Zurückhaltung der Japaner wurde hier schon mehr gerempelt, gedrängelt und ein deutlich höherer Lärmpegel gepflegt. Mehrere Male stehen wir im Flughafen ganz vorne am Gate – und schwupp flitzen wie aus dem Nichts von links und rechts Reisende an uns vorbei. Im Flieger selbst herrscht zumindest bis zum Abflug ein munteres Durcheinander, es wird gerufen und geschrien, viel und laut telefoniert, Pakete und Plastiktüten in die Deckenfächer ein- und ausgeladen, die Handys erst nach mehrfacher Ermahnungen der Flugbegleiter ausgeschaltet bzw. eingesteckt. Kurz vor der Landung bricht die Panik aus, das Handgepäck wird eingesammelt und der Weg zu den Ausgängen freigekämpft, jeder will als Erster an der Flugzeugtür sein.

Übervolle Bürgersteige in Shanghai

Übervolle Bürgersteige in Shanghai

Autofahren in China, vor allem in Peking, ist echte Nervensache. Mehr hupen als bremsen,  dauernd die Spur wechseln – auf den Hauptverkehrsstraßen herrscht das organisierte Chaos. Dabei sitzen wir Gott sei Dank nicht selbst am Steuer, sondern lassen uns im Taxi durch die Gegend chauffieren. Wir erfahren, dass diese Fahrweise von den Chinesen als „chaotische Harmonie“ bezeichnet wird. Das Chaos hat somit Methode, und in der Tat – wir sehen nur wenige kleinere Unfälle mit Blechschäden.

Dabei müssen wir noch dankbar sein, wenn wir überhaupt vorwärts kommen. Monsterstaus von 100 km in Peking sind keine Seltenheit. Auf der Rückfahrt zum Flughafen habe ich keine Hoffnung mehr, dass wir unseren Flieger Xi‘An noch rechtzeitig erreichen. Unser Fahrer gibt nicht auf, er wühlt sich auf seine ureigene ruppige Fahrweise durch den morgendlichen Verkehr ohne Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer und unter Ausnutzung aller fünf Autobahnspuren einschließlich der Standspur. Jeden Tag werden allein in Peking 1300 Autos neu zugelassen, weiß unser Stadtführer. Wir diskutieren mit ihm über die Folgen des Verkehrskollaps und die Auswirkungen auf die Umwelt, aber er ist sich sicher, dass die Regierung schon die richtigen Lösungen für diese und alle anderen Probleme finden wird.

"Schnellfeuer-Hose"

„Schnellfeuer-Hose“

Eigentlich war das Wetter gut, aber nur eigentlich. Die Sonne scheint – wir waren im Juni in China unterwegs – meistens, ab und zu geht ein erfrischender Regenschauer auf uns nieder. Nur die Sonne schafft es nur ausnahmsweise, die Dunst- und Staubschicht zu durchdringen. Nicht nur in den Metropolen wie Peking, Xi‘An, Shanghai und Chongqing lag den ganzen Tag eine schwere Smog-Schicht über den Häusermeeren, auch während unserer Kreuzfahrt auf dem Yangtze blieb das Wetter dunstig, nur gegen Nachmittag schaute die Sonne gelegentlich durch die dichte Wolkendecke.

Alles klar?

Alles klar?

Die Kommunikation ist nicht immer einfach. In den Flughäfen und den größeren Hotels in den Metropolen wird in aller Regel Englisch gut verstanden und oft auch gesprochen. Wir haben uns mit einem elektronischen Sprachführer mit Sprachausgabe geholfen. Die chinesische Aussprache wurde zwar meist nicht verstanden, aber wir haben viel Spaß und manch nette Begegnung mit unserem sprechenden Mini-Computer gehabt. Die englischen Sprachkünste unserer Taxifahrer selbst in den Metropolen Peking und Shanghai waren trotz der in den staatlichen Informationsbroschüren angepriesenen Schulungen zur Vorbereitung auf die Olympiade bzw. Expo sehr bescheiden und lagen eher bei Null. Da waren wir doch froh, abends im Taxi die Visitenkarte unseres Hotels vorzeigen zu können.

Aber auf unseren Reisen durch die Welt wollen wir nicht nur viel sehen und erleben, sondern auch mit den Menschen vor Ort sprechen und auch zu diskutieren. Deswegen war für uns unverzichtbar, so oft wie möglich und nötig mit einem Dolmetscher bzw. mit einem Deutsch sprechenden Reiseführer loszuziehen. So haben wir unglaublich viel nicht nur über die touristischen Sehenswürdigkeiten, sondern auch über Politik, Kultur, Wirtschaft und vor allem das Alltagsleben in China erfahren. Wo immer wir wollten und konnten, haben wir auch den Kontakt zu anderen Menschen gesucht und Dank der Hilfe unserer Dolmetscher und Stadtführer viele neue Eindrücke und freundliche Begegnungen gewinnen können.

"Peking-Ente"

„Peking-Ente“

Auf den auf längeren Fahrten zu unseren Zielen oder den quälenden Stunden in den Staus auf den Autobahnen nutzen wir die Zeit, um mit unserem Reiseleiter bzw. unserer Reiseleiterin intensiv zu diskutieren. Die meisten Fragen wurden bereitwillig und offen beantwortet, über eine gelegentlich fehlende kritische Distanz bezüglich bestimmter politischer und gesellschaftlicher Problemkreise sahen wir gerne hinweg. Am meisten interessierten uns Fragen aus dem täglichen Leben und Berichte über die Sorgen und Wünsche der normalen Bevölkerung. So fanden wir es spannend, einen kleinen Einblick in das chinesische Schulsystem zu bekommen und dabei festzustellen, dass im Vergleich zu unseren Schulen hier in China ein deutlich höherer Arbeits- und Leistungsdruck besteht. Schon in der Unterstufe dauert ein Schulalltag 9 Stunden und ist damit länger als ein durchschnittlicher Arbeitstag. Während bei uns die leistungsschwächeren Schüler nach dem normalen Schulunterricht noch in den Genuss von Förderstunden kommen, handeln die Chinesen genau umgekehrt – die besten Schüler erhalten zusätzlichen Förderunterricht, der bis spät abends erteilt wird, die leistungsschwächeren gehen früher nach Hause.

Im Rahmen der zentralen Abschlussprüfung mussten die Schüler ihre Abschlussarbeit schreiben über Themen wie „Ich stehe auf dem Boden und schaue in den Himmel“ oder „Die Katze hat die Fische und soll noch Mäuse fangen“. Ich denke, dass sich hier ein Stück der chinesischen Mentalität widerspiegelt, nie mit dem Erreichten zufrieden zu sein und stets nach mehr zu streben.

Restaurant-Küche

Restaurant-Küche

Die chinesische Küche ist unglaublich vielfältig und abwechslungsreich, wobei sich die regionalen Küchen durch besondere Geschmacksrichtungen und Zubereitungsarten auszeichnen. Wir wussten oft nicht, was wir bestellen haben, und auch nicht, ob wir das, was er bestellt haben, auch serviert bekamen. Reis war immer dabei, eine Suppe meistens auch. Und hat es im Restaurant und auch in den Garküchen immer gut bis ausgezeichnet geschmeckt. Wenn ich wissen wollte, von welchem Tier das servierte Fleisch stammt und dabei mehr scherzhaft „dog“ fragte, bekam ich in der Regel ein freundliches „yes“ mit einem aufmunternden Kopfnicken der Bedienung zur Antwort. Und da ich im Gegensatz zu Heidi mit den Stäbchen so meine Probleme hatte und auch immer noch habe, hat man mir immer gerne eine Gabel besorgt.

Fleischmarkt

Fleischmarkt

Unsere Reiseleiterin in Guilin erzählte uns sofort nach unserer Ankunft, dass die Menschen in Südchina alles essen, was vier Beine hat und kein Tisch ist, alles was schwimmt und kein Schiff ist und alles was fliegt und kein Flugzeug ist. Das klingt nach Scherz, ist aber wohl die Wahrheit. Wenn wir dann bei dem anschließenden Rundgang über den großen Markt mit dem reichhaltigen Obst- Gemüseangebot durch die Fleischabteilung schlendern und sehen, welche Tiere – tot oder lebendig – hier verkauft werden, sind wir von der außergewöhnlichen Vielfältigkeit der chinesischen Küche überzeugt. Nicht nur Hühner, Enten und Kaninchen werden hier angeboten, sondern auch Würmer, Schildkröten, Frösche, Käfer und anderes Getier. Als wir sahen, wie einem Hund das Fell abgezogen wird, gingen wir schnell weiter.

Delikatessen

Delikatessen

Unglaublich war das Interesse der Menschen auf den Straßen an uns, also genauer gesagt an Heidi. Sie musste – wohl wegen ihrer blonden Haare – immer wieder als Fotomotiv herhalten. So kamen wir auf der Uferpromenade in Shanghai nur langsam voran, nicht nur wegen der Menschenmassen, die hier auf und ab flanieren, sondern auch wegen der vielen Fotostopps, die wir einlegen mussten, damit die zahlreichen chinesischen Damen Heidi in Ruhe fotografieren konnten. Einige sprangen vor Freude in die Luft, wenn sie Heidi erfolgreich mit ihrem Handy oder Fotoapparat erwischt hatten. An mir bestand nur geringes Interesse, da bin ich schon dankbar, als ein Junge auf mich zukommt und für seine Mutter um ein Foto mit mir bittet.

Heidi als Fotomodell

Heidi als Fotomodell

Fototermin mit Heidi

Fototermin mit Heidi

Bewundernswert fanden wir die Geduld der Chinesen, die beim Eintritt zu den Sehenswürdigkeiten und anderen Attraktionen gefragt war. Friedlich, fröhlich  und entspannt haben wir sie während der oftmals unendlichen langen Wartezeiten erlebt. Manche sitzen auf bunten Plastikstühlchen und warten ab, was passiert. Wir waren auch wegen der Expo in Shanghai, da konnten wir live und am eigenen Leib erleben, wie sich das anfühlt, wenn sich unvorstellbare Menschenmassen durch das Expo-Gelände schieben. Gerne hätten wir den Deutschland-Pavillon besucht, aber 5 Stunden in der Schlange zu stehen, hätten weder mein Kreuz noch meine Nerven mitgemacht. Da sind wir am nächsten Morgen ganz früh zur Expo gefahren, aber die chinesischen Besucher waren noch schlauer, sie waren noch eher da. Aber auch ohne den Besuch des Deutschland-Pavillons haben wir viel gesehen und erlebt. Von der fröhlichen Stimmung haben wir uns anstecken lassen, die total spannende Expo intensiv erkundet und die vielen Zufalls-Begegnungen mit netten und begeisterten Besuchern aus aller Welt genossen.

Warteschlange vor dem Deutschen Pavillon

Ab hier noch 4 Stunden Wartezeit zum Eintritt in den Deutschen Pavillon

China hat herrliche Landschaften, riesige Mega-Städte und einmalige Sehenswürdigkeiten – ein unglaublich spannendes Reiseland mit vielen, vielen netten Menschen. Es ist herrlich, in die für uns fremde Welt mit allen Überraschungen einzutauchen und die vielfältigen Reiseerlebnisse mitzunehmen. Mitgenommen habe ich auch die Weisheit von Konfuzius: „Denke nicht so oft an das, was dir fehlt, sondern an das, was du hast.“

Mao-Bild am Eingang zur "Verbotenen Stadt"

Mao-Bild am Eingang zur „Verbotenen Stadt“

 

 

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